Papelucho's Tagebuch


Was jetzt geschieht ist furchtbar. Echt furchtbar, und ich habe die ganze Nacht daran denken müssen, ohne schlafen zu können. Es ist eine von diesen Dingen, die man niemandem erzählen kann, weil sie einfach im Hals stecken bleiben. Und ich weiss, dass solange ich sie nicht jemandem erzählt habe, werde ich nicht schlafen können.
cara de Papelucho

Ich habe Domitila gefragt, was sie tut, wenn sie ein furchtbares Geheimnis hat.

—Ich erzähle es jemandem — antwortete sie.
— Wenn es aber etwas ist, das man niemandem erzählen kann?
— Dann schreibe ich es in einem Brief.
— Du verstehst nicht — habe ich gesagt. — Es handelt sich um etwas, was niemand erfahren darf.
— Dann schreib' es an niemand — hat sie gesagt, und fing an zu lachen.

Es ist Nacht und ich sollte schon schlafen. Ich dachte an das, was Domitila gesagt hatte und beschloss, an "niemanden" zu schreiben, wie sie sagt, das ist, was andere ein "Tagebuch" nennen. Wenn ich das geschrieben habe, werde ich nicht mehr dauernd daran denken müssen.

Ich hatte in meinem Labor eine Flasche mit einer Erfindung. Sie war aus allerlei Dingen gemacht, darunter zwei Schachteln Zündhölzerköpfe, Spülmittel, Honig, etwas Öl, Gesichtscreme und Schiesspulver. Meine Idee war, zu schauen, was daraus würde, und deswegen machte ich damit ein Sandwich für eine gefrässige Maus.

Ich legte es auf den Tisch neben meinem Bett, aber als ich zurückkam, war es weg. Domitila erzählte mir dann, dass sie es gegessen habe. Natürlich konnte ich ihr nicht sagen, dass sie vergiftet war. Aber ich fragte sie, was sie wohl tun würde, wenn sie wüsste, dass sie sterben würde.

—Ich würde einen Purzelbaum schlagen, — sagte sie — weil der Tod das Glück der Armen ist.
— Und was sonst würdest du tun?
— Ich würde für mich ein Fest feiern und Tausend Pesos für das Essen ausgeben.
— Hier — sagte ich zu ihr — Ich gebe dir mein Geld aus meinem Sparschwein (zweiunddreissig pesos). Kauf dir was gutes zu Essen; aber es wäre besser, du würdest beichten gehen.
Papelucho haciendo sandwich
(Illustration von Yola aus der ersten Auflage 1947. Farbe von Marta Carrasco)

Sie sah mich an mit einem Eidechsen-Gesicht und fragte:

— Warum glaubst du, dass ich sterben werde?
— Weil der Tod kommt, wenn man ihn am wenigsten erwartet — antwortete ich, und schloss mich ein in mein Zimmer, um nachzudenken. Ich dachte, es könnte eine gute Sache sein, wenn sie ein Abführmittel einnehmen würde, aber dann dachte ich, es würde alles nur schlimmer machen. Ich dachte, ich sollte ihr sagen, was los war, aber dann dachte ich, dies könnte sie durch einen Herzanfall umbringen. Denn es ist ja nicht sicher, dass sie wegen des Giftes stirbt.

Selbstverständlich werde ich mich, wenn sie stirbt, der Polizei stellen müssen. Ich werde einen Brief an meine Eltern schreiben und dann werde ich mich stellen. Und, wenn ich die Strafe abgesessen habe, werde ich nicht mehr schuldig sein.

Im Gefängnis kann ich studieren, um Erfinder zu werden, da ich mein ganzes freies Leben dann fürs Erfinden haben werde. Und vielleicht, wenn ich das erfinde, was ich erfinden werde, begnadigen sie mich, und fertig.

Dieser Gedanke beruhigt mich. Aber was ich schrecklich finde, ist dieses Warten darauf, dass der Tod kommt. Das heißt, dass ich manchmal wünsche, dass sie bald stirbt, um meine Sachen endlich in Ordnung bringen zu können.

Beim Nachmittagstee habe ich empfunden, dass sie blass aussieht, und es wurde mir kalt im Bauch. Ich fragte sie, was mit ihr los war, und sie lachte auf.

— Langsam wirst du schwach im Kopf — sagte sie. — Ständig fragst du mich solche Sachen... und du schaust mit solchem seltsamen Blick... — und sie lachte nochmal. Es ist ein Glück, dass Domitila keine Kinder hat, und sie sagt, dass niemand sie vermissen wird. Das ist sehr beruhigend.

Jetzt aber fällt mir gerade ein, dass es nicht wahr ist, dass sie das Sandwich gegessen hat und mich angelogen hat. Ich möchte glauben, dass sie, weil sie so eine Lügnerin ist, mir nochmal eine Lüge aufgetischt hat. Bei diesem Gedanken glaube ich, dass ich werde einschlafen können.

1. Januar

Domitila ist noch nicht gestorben ...



("Papelucho", erstes Kapitel.)

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